Kurzsichtigkeit beginnt meist im Grundschulalter und nimmt dann oft bis ins junge Erwachsenenalter zu (IQWiG, 2024a). Heilen oder stoppen lässt sie sich nicht, eine Brille in voller Stärke gleicht sie aber aus (IQWiG, 2024b). Was Sie als Eltern selbst tun können, ist gut belegt: Viel Zeit bei Tageslicht draußen und Pausen beim Lesen und am Bildschirm (DOG et al., 2022). Nimmt die Kurzsichtigkeit schnell zu, gibt es außerdem Behandlungen, die das Fortschreiten verlangsamen sollen. Wie viel sie bringen, bewerten Fachleute unterschiedlich. Ob Ihr Kind kurzsichtig ist, klären wir bei einer Untersuchung in unserer Praxis.
Woran erkennen Sie, dass Ihr Kind kurzsichtig ist?
Typisch ist, dass Ihr Kind in der Ferne schlecht sieht, in der Nähe aber gut. Es kann zum Beispiel die Tafel in der Schule schlecht lesen, blinzelt oder kneift die Augen zusammen, um besser zu sehen (IQWiG, 2024a). Manche Kinder klagen ohne Brille auch über Kopfschmerzen oder müde Augen (IQWiG, 2024a). Viele Kinder sagen von sich aus nichts; ihnen fällt oft gar nicht auf, dass andere schärfer sehen. Worauf Sie bei jüngeren Kindern achten können, haben wir unter Kinderaugenheilkunde zusammengestellt.
Woher kommt Kurzsichtigkeit bei Kindern?
Meist ist der Augapfel zu lang, sodass das Bild nicht auf, sondern vor der Netzhaut scharf wird (IQWiG, 2024a). Dass der Augapfel zu stark wächst, hat mehrere Gründe. Kinder kurzsichtiger Eltern werden häufiger kurzsichtig (DOG et al., 2022; Stiftung Auge, 2026). Noch mehr Einfluss haben nach Einschätzung der Fachgesellschaften aber Verhalten und Umwelt (DOG et al., 2022). Als eindeutig belegt sehen sie an: Viel Arbeit mit kurzem Abstand in der Nähe begünstigt Kurzsichtigkeit, Zeit im Freien wirkt ihr entgegen (DOG et al., 2022).
Macht das Handy kurzsichtig?
Nicht das Gerät allein. Nach heutigem Wissen lässt sich nicht sagen, dass Bildschirmzeit für sich genommen Kurzsichtigkeit verursacht (Stiftung Auge, 2026). Wichtiger ist, wie lange Ihr Kind ohne Pause in die Nähe schaut und wie nah es Buch, Tablet oder Handy an die Augen hält (Stiftung Auge, 2026). Der Abstand ist also wichtiger als die Frage, ob es ein Buch oder ein Bildschirm ist. Als Orientierung für die Bildschirmzeit verweist die Stiftung Auge auf das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: unter drei Jahren möglichst keine Bildschirmmedien, mit drei bis fünf Jahren höchstens 30 Minuten am Tag, ab sechs Jahren höchstens 45 bis 60 Minuten (Stiftung Auge, 2026).
Kann Kurzsichtigkeit bei Kindern wieder weggehen?
Nein, eine Kurzsichtigkeit bildet sich nicht zurück, auch nicht mit Brille oder Augentraining (IQWiG, 2024b). Sie nimmt meist zu, solange das Auge wächst, und kommt oft erst im jungen Erwachsenenalter, etwa bis zum 25. Lebensjahr, zur Ruhe (IQWiG, 2024a). Die Brille ändert daran nichts, sorgt aber dafür, dass Ihr Kind scharf sieht.
Wann sollte Ihr Kind zum Augenarzt?
Sobald Ihnen Anzeichen auffallen, und zwar in jedem Alter. Ist ein Elternteil kurzsichtig, lassen Sie die Augen Ihres Kindes am besten schon vor der Einschulung untersuchen (IQWiG, 2024a). Wann alle Kinder untersucht werden sollten, auch wenn nichts auffällt, steht bei den empfohlenen Zeitpunkten unter Kinderaugenheilkunde.
Für eine genaue Messung bekommen Kinder meist Augentropfen, die das Scharfstellen in der Nähe für einige Zeit ausschalten (DOG et al., 2022). Wie lange das anhält, lesen Sie im Ratgeber Augen getropft: Wie lange hält die Wirkung an?
Braucht Ihr Kind eine Brille?
Ja, wenn es in der Ferne nicht mehr scharf genug sieht, und zwar in voller Stärke. Früher dachte man, eine etwas zu schwache Brille bremse die Kurzsichtigkeit. Dafür gibt es keine Belege. Eine zu schwache Brille scheint sie eher zu verschlechtern (IQWiG, 2024b). Gleitsicht- oder Zweistärkengläser empfehlen die Fachgesellschaften (Stand 2022) für Kinder nicht (DOG et al., 2022). Lassen Sie Ihr Kind die Brille also so tragen, wie wir sie verordnen, und kommen Sie zu den Kontrollen, damit die Stärke stimmt.
Was können Eltern im Alltag tun?
Gut belegt ist vor allem der Nutzen von Zeit draußen bei Tageslicht (DOG et al., 2022). Zwei Stunden am Tag im Freien halten die Fachgesellschaften für sinnvoll (DOG et al., 2022). Das gilt auch bei bewölktem Himmel, denn draußen ist es viel heller als in Innenräumen (Stiftung Auge, 2026). Beim Lesen und bei Hausaufgaben empfehlen die Fachgesellschaften Pausen: Nach etwa 30 Minuten mit weniger als 30 Zentimetern Abstand soll das Kind rund 10 Minuten in die Ferne schauen (DOG et al., 2022). Wem das im Alltag zu selten ist, der kann zusätzlich die 20-20-20-Regel der Stiftung Auge nutzen: etwa alle 20 Minuten für mindestens 20 Sekunden in die Ferne blicken, rund 6 Meter weit (Stiftung Auge, 2026). Im Alltag heißt das zum Beispiel: Der Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad, die Pause auf dem Hof statt im Klassenzimmer und das Spielen nach den Hausaufgaben draußen zählen alle mit.
Lässt sich das Fortschreiten verlangsamen? Myopiekontrolle im Überblick
Vielleicht etwas, aufhalten lässt sie sich aber nicht. Unter Myopiekontrolle oder Myopie-Management versteht man Behandlungen, die das Wachstum des Augapfels bremsen sollen. Die Fachgesellschaften sahen sie 2022 vor allem dann vor, wenn die Kurzsichtigkeit um mindestens 0,5 Dioptrien im Jahr zunimmt (DOG et al., 2022). Ob das so ist, zeigen Kontrollen über mindestens zwölf Monate, bei denen auch die Länge des Augapfels gemessen werden kann (DOG et al., 2022). Langfristige Vor- und Nachteile lassen sich bei allen Wegen noch nicht zuverlässig angeben (IQWiG, 2024b).
Spezielle Brillengläser
Es gibt Brillengläser mit besonderem Schliff, die das Fortschreiten bremsen sollen. Die bisherigen Studien sind überwiegend unter Beteiligung der Hersteller entstanden. Für eine allgemeine Empfehlung wünschen sich die Fachgesellschaften weitere Studien (DOG et al., 2022). Auch in einer Pressemitteilung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) von 2024 heißt es, solche Gläser müssten noch länger untersucht werden (DOG, 2024).
Spezielle Kontaktlinsen
Zwei Arten werden eingesetzt: formstabile Linsen, die nachts getragen werden und die Hornhaut über Nacht leicht abflachen (Orthokeratologie), und weiche Linsen mit mehreren Stärken für den Tag (DOG et al., 2022). Beide setzen voraus, dass Ihr Kind die Linsen zuverlässig richtig trägt und pflegt, denn bei Kontaktlinsen besteht ein Risiko für Infektionen der Hornhaut (DOG et al., 2022). Wie sie die Kurzsichtigkeit langfristig beeinflussen, lässt sich noch nicht sicher sagen (IQWiG, 2024b).
Niedrig dosierte Augentropfen
Seit 2025 gibt es in der EU zugelassene, niedrig dosierte Augentropfen mit dem Wirkstoff Atropin für Kinder, deren Kurzsichtigkeit zunimmt (EMA, 2025). Vorher wurden solche Tropfen nur außerhalb einer Zulassung eingesetzt (Stiftung Auge, 2026). Die Tropfen sind verschreibungspflichtig; über eine Behandlung entscheidet die Augenärztin oder der Augenarzt (EMA, 2025). Wie groß der Nutzen ist, bewerten Fachleute unterschiedlich. In der Pressemitteilung der DOG von 2024 wurden die Effekte in Studien aus Europa und den USA als klein eingeschätzt (DOG, 2024). Eine größere Studie, auf die sich die Zulassung stützt, fand eine Verlangsamung über zwei Jahre (Stiftung Auge, 2026).
Wie gehen wir in unserer Praxis vor?
Wir untersuchen Ihr Kind, verordnen die passende Brille und kontrollieren, wie sich die Kurzsichtigkeit entwickelt. Nimmt sie schnell zu, messen wir auf Wunsch die Länge des Augapfels und beraten Sie zu allen genannten Wegen, auch zu den verschreibungspflichtigen Augentropfen. Welcher Weg passt, hängt unter anderem vom Alter Ihres Kindes ab und davon, wie schnell die Kurzsichtigkeit zunimmt (Stiftung Auge, 2026). Die Brillengläser fertigt ein Augenoptikbetrieb Ihrer Wahl an. Spezielle Kontaktlinsen passen wir nicht selbst an; wenn Sie diesen Weg wählen, nennen wir Ihnen spezialisierte Kontaktlinsenanpassungen und übernehmen die augenärztlichen Kontrollen.
Welche Folgen kann starke Kurzsichtigkeit haben?
Bei starker Kurzsichtigkeit steigt im späteren Leben das Risiko für Erkrankungen der Netzhaut und der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens (IQWiG, 2024a; DOG et al., 2022). Eine leichte Kurzsichtigkeit hat dagegen meist keine gesundheitlichen Folgen (IQWiG, 2024a). Nach Einschätzung der Fachgesellschaften steigt das Risiko einer bleibenden Sehbehinderung spätestens ab etwa −6 Dioptrien deutlich an (DOG et al., 2022). Menschen mit starker Kurzsichtigkeit sollten ihre Augen deshalb regelmäßig kontrollieren lassen und Warnzeichen kennen, etwa plötzliche Lichtblitze, einen Schatten im Blickfeld oder verzerrtes Sehen (DOG et al., 2022). Mehr dazu lesen Sie auf unserer Seite Netzhaut & Makula.
Was zahlt die Krankenkasse?
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre die Brillengläser, wenn eine Augenärztin oder ein Augenarzt sie verordnet hat, die Fassung aber nicht (§ 33 SGB V; G-BA, 2025). Die Kasse zahlt dabei die Preise, die sie mit den Augenoptikbetrieben vereinbart hat. Mehr dazu steht auf unserer Seite Kinderaugenheilkunde. Was die Kasse allgemein an Brillen zahlt: Brille und Krankenkasse.
Für die Wege zur Myopiekontrolle gilt:
- Kontaktlinsen zahlt die gesetzliche Kasse nur in Ausnahmefällen, etwa ab einer Kurzsichtigkeit von 8 Dioptrien, und dann nur Linsen mit einer Stärke. Linsen mit mehreren Stärken sind ausdrücklich ausgeschlossen (G-BA, 2025). Ob Ihre Kasse etwas zu Linsen für die Myopiekontrolle dazugibt, fragen Sie bitte vorher dort nach.
- Spezielle Brillengläser: Eine einheitliche Regel können wir Ihnen nicht nennen. Fragen Sie vor dem Kauf bei Ihrer Krankenkasse nach, welchen Anteil sie übernimmt. - Augentropfen und Messung der Augapfellänge: Ob Ihre Kasse die Kosten übernimmt, klären wir mit Ihnen vor der Verordnung beziehungsweise vor der Messung. Müssen Sie selbst zahlen, nennen wir Ihnen die Kosten vorher schriftlich.
Termin für Ihr Kind
Einen Termin buchen Sie online oder telefonisch unter 040 000 000 00. Ohne Termin kommen Sie mit Ihrem Kind in die offene Sprechstunde, dienstags von 10 bis 11 Uhr. Eine Überweisung brauchen Sie nicht.
Platzhaltertext: Fiktive Musterpraxis. Medizinische und rechtliche Angaben (insbesondere zu verschreibungspflichtigen Augentropfen) vor einer echten Veröffentlichung fachlich und rechtlich prüfen lassen.